Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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12.04.2007

Schlacht um Algier

Die derzeitige algerische Regierung hat offiziell „eine Renaissance der Kultur“ versprochen. Es wird auch allerhöchste Zeit: während radikale Islamisten verlorenen Träumen nachhängen bzw. -bomben und Frauen mehr denn je den Hidjab tragen, herrscht geistiges Chaos. Anarchismus, Sozialismus, Islamismus - die Jugend in Algier hat alles erlebt und von nichts profitiert.

In keiner anderen Hauptstadt der arabischen Welt wurde die Kultur derart zerschlagen wie in Algier in den „zehn schwarzen Jahren“ von 1991 bis 2001: Maler, Schriftsteller, Journalisten, Theatermacher, Satiriker und Psychoanalytiker, die sich der Errichtung einer Islamischen Republik in Algerien widersetzten, fielen einer fundamentalistischen Mordwelle zum Opfer, die über all das hinausging, was Algier während des Aufstands gegen Frankreich erlebte. Dabei ist Algier eine offene Stadt: arabisch, mediterran, europäisch und berberisch geprägt, ideal als Kulturhauptstadt einer modernen arabischen Welt. Der Titel der arabischen Kulturhauptstadt wurde 2007 zum 11. Mal vergeben. Das erste Mal ging er an Algier.

Nun sollen sich in restaurierten Häusern der Casbah, seit 1992 Weltkulturerbe und in den nachfolgenden Jahren Hochburg der bewaffneten islamischen Gruppe GIA, Filmemacher, Schriftsteller, Philosophen und Stückeschreiber aus der gesamten arabischen Welt begegnen und ihre Werke vorstellen. Das Kulturministerium versprach „eine Renaissance der Kultur". So werden Kolloquien und Ausstellungen veranstaltet, 60 neue Filme produziert und 45 Theaterstücke in 850 Aufführungen ins ganze Land getragen. Auch Jugendcamps mit jungen Leuten aus anderen arabischen Ländern sind geplant. Nach algerischer Darstellung stehen 60 bis 70 Millionen Euro zur Verfügung, um von Seiten der Kulturbehörden die Programme der arabischen Kulturhauptstadt zu finanzieren.

Die Buchproduktion soll im Mittelpunkt des Kulturjahres stehen: 1000 Romane, Gedichtbände und philosophische Werke werden vom Staat neu heraus gebracht. Für das Kulturjahr lässt die Regierung auch nicht-arabische Werke ins Arabische übertragen. Ein Fortschritt, meinte der Buchhändler Abdallah Benadouda in einer 3Sat-Reportage, denn an solchen Übersetzungen mangelte es bisher. Alle von der Lektürekommission ausgewählten Bücher werden im Rahmen von 'Algier, Kulturhauptstadt der arabischen Welt' vom Staat zu 1500 Exemplaren pro Titel gekauft. In der Drei-Millionen-Stadt Algier gibt es rund 15 Buchhandlungen mit umfangreicherem Sortiment. Da ein Roman sich durchschnittlich zu 1000 Exemplaren verkauft, ist der regierungsgesicherte Absatz von 1500 Exemplaren eine Ermunterung für manchen Verleger. Benadouda: „Aber leider wurde die Jugend auf der Schule nicht zum Lesen erzogen."

Der Historiker Daho Djerbal, der die international renommierte, aber von keiner algerischen Bibliothek abonnierte Zeitschrift "Kritik" herausgibt, erwartet nicht, dass das Thema Islamismus und Geistesfeindlichkeit während des Jahres der arabischen Kultur zur Sprache kommt, da per Gesetz ein Schlussstrich unter die Terrorjahre gezogen wurde. "Das 'Gesetz über die Versöhnung und den gesellschaftlichen Frieden' wurde parlamentarisch verabschiedet und verbietet jeden Diskurs über den Terrorismus oder über die Opfer des Terrorismus", so Djerbal. "Das ist, als ob nichts geschehen wäre. Also kann es auch keine Debatte über die getöteten Intellektuellen oder sonstwen geben. Sehr kulturell ist das nicht."
Trotzdem riet Djerbal gegenüber 3Sat zu einer Reise nach Algier. "Sie werden hier Leute sehen, die den westlichen Medien völlig unbekannt sind, die aber großen Einfluss auf das Entstehen eines neuen zeitgenössischen arabischen Denkens haben.“ Und: „Dieses neue arabische Denken wird eines Tages das konservative und reaktionäre Denken überrunden. Das ist absolut sicher.“ Nicht nur Djerbals Hoffnung endete vorerst mit zwei Bombenattentaten. Mehr über Algier erfahren Sie hier

 

 


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