Migranten und Medien
Das Fernsehen ist bei Deutschen wie bei Personen/Menschen mit Migrationshintergrund Leitmedium - unabhängig von Alter, Bildung und Herkunft. Seine tägliche Reichweite ist bei beiden Gruppen ähnlich hoch (89 Prozent bei Deutschen, 83 Prozent bei Personen/Menschen mit Migrationshintergrund). Die tägliche Fernsehdauer von Personen/Menschen mit Migrationshintergrund ist mit 197 Minuten etwas geringer als bei Deutschen (220 Min.), hier wie da steigt der Fernsehkonsum mit fortschreitendem Alter. In der „Kernzielgruppe“ der 14 – 49-jährigen bewegen sich Deutsche und Migranten in etwa auf dem gleichen Niveau. Größere Unterschiede in der Sehdauer ergeben sich nach der Herkunft: Italiener, Polen und Türken nutzen das Medium überproportional hoch, Spätaussiedler dagegen deutlich geringer. Bei den ausgewählten Sendern liegen die Privaten vorne. Platz 1 nimmt Prosieben ein (13,4 % Marktanteil), es folgen RTL (11,7 %), der türkische Satellitensender EuroD/Kanal D (6,2 %) und Sat.1 (5,5 %), das ZDF (5,4 %) und die ARD/Das Erste (5,3 %).
Bei der Messung der Mediennutzung von Personen/Menschen mit Migrationshintergrund ist in den letzten Jahren ein deutlicher „Qualitätsschub“ eingetreten, was insbesondere an den Erhebungen der ARD/ZDF-Medienkommission liegt.
Kleine Unterschiede
So unterscheiden sich die Nutzungsmuster der Fernsehzuschauer mit türkischem Migrationshintergrund wegen der hohen Relevanz heimatsprachlicher Programme deutlich von denen anderer Migranten. Zuschauer türkischer Herkunft nutzen mittags und am späten Nachmittag mehr heimatsprachliche als deutsche Programmangebote, in der Primtime spielen dann deutschsprachige Angebote gegenüber türkischen Sendern eine vergleichsweise geringer Rolle. Eine der Gründe hierfür ist das umfangreiche digitale Angebot mit über 100 türkischsprachigen Sender, die überwiegend Unterhaltung anbieten. Während die Digitalisierungsquote bei Migranten durchschnittlich bei 53 Prozent liegt, steigt sie bei Italienern auf 60, bei Türken sogar auf 73 Prozent. Entscheidend für die Programmwahl sind wesentlich Alter und Sprachkenntnisse. Während vor allem Angehörige der ersten Generation heimatsprachliche Programme bevorzugen, sinkt das Interesse der nachfolgenden Migrantengenerationen stark. Bei den 14 – 29jährigen gehören noch 28 Prozent zu den heimatsprachlichen Stammnutzern, 77 Prozent bevorzugen deutsche Programme.
Für ihren vergleichsweise hohen Fernsehkonsum nennen türkische Migranten eine Reihe allgemeiner Gründe. Fernsehen sei für sie ein „wichtiger Begleiter im Alltag“ und stelle eine „gemeinsame Gesprächsbasis“ her und wirke „verbindend“. Zugleich sei es eine „willkommene Ablenkung“, denn das Fernsehen läuft in türkischen Haushalten oft ei nfach immer. Es wird dabei kaum bewusst rezipiert, kann aber in vermeintlich kritischen Gesprächssituationen als Ablenkung benutzt und helfen, das Gesprächsthema zu wechseln, um so potenziellen Konflikten zu entgehen. Dieses „türkische“ Verhalten dürfte allerdings bei anderen Nationalitäten auch anzutreffen sein. Wichtiger sind die Motive und Präferenzen, die zur qualitativen Programmauswahl führen. Hier ist auch die Haltung der Mehrheitsgesellschaft und die von ihr vorgegebenen Identitätsmuster für Fremde von Bedeutung.
Motive fürs Programm
Türkische FernsehzuschauerInnen schalten insgesamt täglich sowohl deutsches wie türkisches Fernsehen ein – 61 Prozent sehen deutsches, 70 Prozent türkisches Fernsehen. Jüngere und in Deutschland Geborene wählen dabei eher das deutsche Programm – hier liegen das türkische und das deutsche Fernsehen im Durchschnitt gleich auf. Für die Dauer der täglichen Nutzung sind soziodemografische Daten entscheidend. Wie beim deutschen Publikum gilt: ältere und Menschen mit geringerer formaler Bildung sehen deutlich mehr fern als jüngere und formal besser Gebildete. Auch sonst ergeben sich beim Vergleich von Gruppen mit ähnlichem oder gleichem soziodemografischen Hintergrund ähnliche Muster. So erreichen etwa bei gleichaltrigen deutschen und türkisch-stämmigen Zuschauern mit ähnlichem Bildungsniveau die Nutzungsmotive Information, Spaß, Spannung und Gewohnheit „eine relativ hohe Übereinstimmung“. Im Ranking steht Information mit 91 Prozent bei Deutschen und 84 Prozent bei Türken auf Platz 1, es folgen Spaß (76 zu 66 Prozent), Spannung (69 zu 63 Prozent). Vor diesem Hintergrund bilanzieren die Kommunikationsforscher Erk Simon und Gerhard Kloppenburg: „In der Integrationsdebatte wird häufig die Teilhabe an der deutschen Kultur, insbesondere auch die Nutzung deutscher Medien, mit erfolgreicher Integration gleichgesetzt. Eine starke Nutzung der heimatsprachlichen Medien, wie sie bei den türkischen Migranten festzustellen ist, steht dagegen eher für eine Abgrenzung und eine Verfestigung der Kultur des Herkunftslandes... Diese Gleichsetzung (ist) zu einfach und (geht) an der Lebenswelt – der hier befragten – jungen TürkInnen vorbei. Für diese Zuschauergruppe ist es selbstverständlich, türkische und deutsche Fernsehsender gleichermaßen zu nutzen. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen, beide sind unverzichtbar für ihre Meinungs- und Identitätsbildung.“ Dagegen sprechen auch nicht die Unterschiede: im Gegensatz zu deutschen Zuschauern haben für Zuschauer türkischer Herkunft Beiträge zur Hilfe im Alltag, zu sozialen Motiven (sich nicht allein fühlen) einen höheren Stellenwert. Auch das gemeinsame Fernsehen in der Familie ist Türken wichtiger als Deutschen. Nach ihrer Meinung zum Stellenwert des türkischen Fernsehens befragt, stimmten rund 80 Prozent der „TV-Kernzielgruppe“ der 14 – 49-jährigen der Aussage zu: „Das türkische Fernsehen ist für mich auch ein Stück Heimat.“ 71 Prozent finden außerdem, „dass das türkische Fernsehen besser die gesamte Familie anspricht als das deutsche Fernsehen“.
Bei genauerem Hinsehen ergeben sich bei Selbstverständnis und Identitätsfrage bei den unterschiedlichen Altergruppen der 14 – 29jährigen („3. Generation“) und den 30 – 49jährigen („2. Generation“) gewisse Unterschiede, die u.a. mit Erfahrungen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft zu tun haben und die sich in der Beurteilung des Medienangebotes niederschlagen. Während sich die Älteren „zwischen den Kulturen“, zwischen „Integriert-sein in Deutschland“ und „türkischen Wurzeln“ eingerichtet haben und sie „(ihre) türkischen Wurzeln weder (verleugnen) noch sich vorstellen (können), ‚eines Tages in die Türkei zurück zu gehen’“ definieren sich die Jüngeren klar und eindeutig als Türkin/Türke. „Hier reproduziert sich die alltägliche Erfahrung der TürkInnen in Deutschland. Die Frage nach dem Selbstverständnis ist bereits falsch gestellt, denn sie erlaubt keine freie Antwortmöglichkeiten“, so eine Studie. „Es ist den türkischen Migranten gar nicht erlaubt, sich als Deutsche zu verstehen, denn der Blick der Mehrheitsgesellschaft legt fest: ‚Du siehst aus wie ein Türke, du hast türkisches Blut, also bist du Türke.’“
Gegenüber der “Zerrissenheit” der Älteren positionieren sich die Jüngeren mit der „passiv erlittenen Festlegung“. Bei Nachfragen werden zur positiven Begründung für das eigene Türkisch-Sein „sämtliche gängigen Klischees aufgefahren: man sieht so aus, man trägt einen türkischen Namen, das türkische Essen ist ‚so lecker’, Türken leben einen stärkeren Familienzusammenhalt, man hat mehr Respekt vor den Eltern, man hat mehr ‚Ehre’. ... Allerdings scheint keines dieser Argumente wirklich spezifisch türkisch, Keines ist wirklich belastbar. Als ‚Anker’ flüchten sich die jungen Befragten daher zur Frage der religiösen Identität, die für die 30 – 49jährigen Teilnehmer spontan eine geringere Rolle spielt“.
Kein Medienghetto
Trotzdem folgt daraus keine einseitige Wahl des Medienprogramms. Türkische und deutsche Medien werden gleich häufig genutzt. Während die Älteren im Wesentlichen eine „klassische“ Radio- und TV-Nutzung zeigen und ebenfalls Tageszeitungen lesen, verschieben sich die Interessen der Jüngeren hin zu Fernsehen und Internet. Die Gruppe der 20 – 29jährigen sucht dabei nur vereinzelt türkisch-sprachige Seiten auf und surft online eher zu entsprechenden Angeboten von Spiegel, Focus oder Stern. Fernsehnachrichten werden häufig in türkischen Programmen gemeinsam mit der Eltern gesehen, wobei türkische Fachausdrücke von den Jüngeren nicht ohne weiteres verstanden werden. Bei fiktionalen Angeboten bedeutet türkisches Fernsehen vor allem generationenübergreifendes Familienprogramm im klassischen Sinn. An fiktionalen wie an Informationssendungen im deutschen Fernsehen wird von allen übereinstimmend die Darstellung der Türkei und türkischer Probleme als unausgewogen, klischeehaft und stereotyp kritisiert – Befunde, die auch von wissenschaftlichen Studien bestätigt werden. Bei der Breite der Fernsehnutzung lässt sich jedenfalls keine ausgeprägte „mediale Parallelgesellschaft“ ausmachen.
Neben dem Fernsehen gilt Personen/Menschen mit Migrationshintergrund auch das Radio primär als Unterhaltungsmedium. Während 84 Prozent der deutschen Erwachsenen ab 14 Jahren das Radio täglich einschalten und es durchschnittlich 221 Minuten hören, fällt diese Mediennutzung bei Personen mit Migrationshintergrund deutlich geringer aus. Nur 47 Prozent der Migranten hört täglich Radio und das auch nur 102 Minuten lang. Zwischen den Migrantengruppen bestehen zudem erhebliche Unterschiede. So schalten nur 22 Prozent der Türken das Radio an, aber 72 Prozent der Polen, zwischen 52 und 58 liegt die entsprechende Quote bei Italienern, Griechen und Spätaussiedlern. Die Attraktivität der Radioprogramme leidet nicht nur an der Dominanz des Fernsehens, sondern ist auch von der jeweiligen Musiksozialisation anhängig. So greift vor allem die jüngere Generation gerne auf eigene Tonträger zurück.
Informationsmedien
Wenn es um Informationen geht, werden von Menschen/Personen mit Migrationshintergrund Internet und Tageszeitungen präferiert. Die Tageszeitung gilt 95 Prozent als Informationsmedium, das Internet 90 Prozent. Tageszeitungen gelten zwar als Informationsmedium Nr. 1, doch nur rund die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund liest regelmäßig die gedruckten Nachrichten. Dabei hält sich die Lektüre von deutsch- und heimatsprachlichen Blättern die Waage. Auch in diesem Segment kann man nicht von einem „Medienghetto“ ausgehen, zumal die Auflagen der Blätter nicht so hoch ist, wie vielfach vermutet. Die verkaufte Gesamtauflage aller türkischen Zeitungen in Deutschland dürfte um die 300.000 liegen, Tendenz sinkend wie bei deutschen Printprodukten auch. Die größte Verbreitung erreicht das türkische Boulevard-Blatt Hürriyet mit einer Auflage von rund 53.000. Die höchste Reichweite bei Türkinnen und Türken insgesamt hat im übrigen die Bild-Zeitung.
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