Service: Hauptsache Deutsch
Deutsche Städte sehen sich in der Regel weniger als Behörden denn als Dienstleister, die ihren Bürgern und Kunden kompetent, schnell und effizient Hilfe für viele Lebenslagen anbieten und dabei große Teile der öffentlichen Daseinsfürsorge abdecken, von Kindergarten und Schule bis zur Erstellung von Ausweispapieren und Führerschein, kulturellen Angeboten oder dem ALG II. Bei diesem Service hat die Bedeutung des Internets in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Mittlerweile verfügt jede Stadt über einen eigenen Webauftritt – eine Visitenkarte, die nicht nur die urbanen Qualitäten vorstellen, sondern auch die Leistungsfähigkeit und Weltoffenheit der Stadtverwaltungen demonstrieren soll. Die spezifischen Vorteile des Internets liegen dabei auf der Hand: Informationen können unabhängig von Zeit und Ort angeboten und abgerufen werden. Jeder Nutzer kann individuell entscheiden, auf welche Informationen er in welcher Tiefe und in welchem Umfang zugreifen will. Allerdings: ausführliche fremdsprachliche Angebote sind nicht die Regel, obwohl in vielen Großstädten ein großer Anteil der BürgerInnen einen „Migrationshintergrund“ hat und deren Integration eine der Schlüsselaufgaben der heutigen Politik ist.
Hauptsache Deutsch
„Bei keiner einzigen Großstadt ist eine 1:1 Umsetzung der deutschen Seite in die angebotenen Fremdsprachen zu finden.“, schreiben Tina Hentschel, Florian Schröder und Guido Wiggerink in einer Studie über die „Weltoffenheit kommunaler Internetpräsenzen“. Das Ergebnis der Untersuchung der Webauftritte der zehn größten deutschen Städte: Der fremdsprachige Teil ihrer Seiten bietet vor allem touristische Inhalte. Beliebt sind daneben vor allem Hinweise zum jeweiligen Wirtschaftsstandort. Das komplizierte deutsche Schul- und Sozialwesen kommt dagegen eher nicht zur Sprache. Auch Infos zur Selbstorganisation von Migranten, zu Ausländerbeiräten, zu unterschiedlichen Religionsgemeinschaften oder auch zu Kindertagesstätten sind eher die Ausnahme. Zwar wird häufig die Möglichkeit zur Beantragung von Visa und Pässen angezeigt, bei der genaueren Suche ist die Treffgenauigkeit allerdings „sehr different“. Unter dem Suchbegriff „Pass“ werden meist „Hinweise auf sogenannte Stadtpässe gelistet, welche beispielsweise vergünstigte Eintritte in Museen oder andere öffentliche Kultureinrichtungen beinhalten.“ Nicht im Angebot dagegen Infos zum Staatsbürgerrecht oder Ähnlichem: „Die gesuchten Informationen sind auf der deutschen Seite zu finden, sobald man aber den fremdsprachigen Teil betritt, ist die Informationslage eine völlig andere.“ Und: „Die Konzeptionen der Internetauftritte sind im kulturellen Bereich eher tourismusorientiert als auf eine Interessengruppe für vorübergehende oder dauerhafte Migration eingestellt.“
Städte im Test
Anhand von neun Kriterien untersucht und bewertet die Studie die „Informationsbereitstellung für Migranten“ in den zehn Städten. Dazu gehören neben einem mehrsprachigen Angebot, das auch Menschen mit geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen einbezieht („Sprache öffnet das Tor zu Information und somit zur Integration.“) die Qualität der migrantenspezifische Informationen wie Informationen über kulturelle, religiöse Angebote der Stadt oder Hinweise zur sozialen Integration beispielsweise durch Vereinen, interkulturelle Freundschaften und Bekanntschaften oder Begegnungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen auch eine qualifizierte Übersicht über die Behördenstrukturen. Im Ergebnis erreichte der Webauftritt der Stadt Berlin (25 von 27 möglichen Punkten, Note 2+) die höchste Punktzahl vor München (24, Note 2). Entscheidend für den Sieg der Hauptstadt ist ihr sehr detaillierte Informationspaket, das in acht Sprachen zum Download bereit gestellt wird und das über alle zentralen Felder der Integrationsarbeit informiert. Auf den Plätzen folgen Düsseldorf (19, Note 3-), Bremen (18, Note 4+), Essen (18, Note 4+), Frankfurt (16, Note 4), Köln (15, Note 4), Dortmund (14, Note 4-), Stuttgart (13, Note 5+) und Hamburg (12, Note 5). Das schlechte Abschneiden der Elbmetropole mag zunächst verwundern, weil die Homepage der Hansestadt mit www.zuwanderung.hamburg.de ein spezielles Webangebot für Migranten aufführt. Doch dort werden weder das schulische noch das Sozial-System erläutert. Migrantenorganisationen sind nicht verzeichnet. Fragen zu alltäglichen Problemen, die Migranten in einer neuen und gleichsam fremden Heimat zu bewältigen haben, werden höchstens tangiert und nach Ansicht der Autoren nur unzureichend beantwortet. Angesichts der teilweise erhebliche Qualitätsunterschiede bei der Bereitstellung migrantenspezifischer Informationen schlagen die Autoren auch eine Reihe von Standards vor, die bei jeder Seite berücksichtigt werden sollte.
Die Studie „Weltoffenheit kommunaler Internetpräsenzen. Integration durch Information“ von Tina Hentschel, Florian Schröder und Guido Wiggerink finden Sie hier
Sie wurde 2008 als Teil des Forschungsprojektes „Politisches Potential des Internet. Die virtuelle Diaspora der Migranten aus Russland und der Türkei in Deutschland“ am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster unter Leitung von Dr. Kathrin Kissau und Dr. Uwe Hunger durchgeführt. Mehr hier
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