Die ewige Frage der Integration
Svetlana Acevic
An der Frage, was eine gelungene Integration ausmacht, scheiden sich seit Jahren die Geister. Geht es hier um die Chancengleichheit, gleichberechtigte Teilhabe, um die Beherrschung der deutschen Sprache, um den Besitz eines Schulabschlusses, Ausübung eines Berufes? Mittlerweile hat die Beauftragte der Bundesregierung für Integration, in Zusammenarbeit mit Bundesministerien, Integrationsindikatoren in 14 Themenfeldern vereinbart. Integration sei, so Maria Böhmer in einem Interview, nicht nur gleichberechtigte Teilhabe, sondern auch „Ja zu sagen zu Deutschland, zu unseren Werten“. Abgesehen davon, dass vieles, was man als „unsere“ Werte bezeichnet, von Einflüssen geprägt wurde, die außerhalb dieses Landes und Europa ihren Ursprung haben, was heißt es eigentlich Ja zu einem Land zu sagen und hängt davon wirklich die Zukunft dieser Gesellschaft ab? Geht es dabei nur um die Grundwerte oder um mehr?
Bekenntnisse
Ich persönlich habe Schwierigkeiten mit solchen pauschalen Bekenntnissen. Als jemand, der im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen ist, habe ich Erfahrungen mit solchen und ähnlichen Bekenntnissen bereits gemacht. Im Alter von sieben durfte ich bei der Aufnahme in den Pionierverband Jugoslawiens mit der Ablegung des Eides Treue und Liebe zum Land und zu all deren Völkern schwören. Als Kind machte man sich keine Gedanken über die Bedeutung dieses Vorgangs. Neun Jahre später mit Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien konnte ich mich zum ersten Mal damit auseinander setzen. Meinen Eid konnte ich nicht halten, denn „meine“ Leute waren plötzlich „die anderen“. Die ethnischen Unterschiede, die ich bis dahin kaum bewusst wahrnahm, gewannen an Bedeutung. Die Trennung zwischen „uns“ und „ihnen“ wurde hochgepuscht. Das Fatale war, dass alle Seiten an dieser Frage gescheitert sind. Das Bekenntnis zu „seinem Land“ und zu „seinen Leuten“ hat man allerdings weiterhin verlangt. Ein Bekenntnis, dem ich leider nicht mehr entsprechen konnte. Ich habe für mich festgestellt, dass es „meine Leute“ als solche nicht wirklich gibt. Es ist etwas, was man sich schon zu Recht legen kann, wenn man es braucht, jedoch die Gefahren, die dahinter lauern und an die man sich verbrennen könnte, viel zu hoch sind. „Meine Leute“ heißt es immer, dass es solche gibt, die außerhalb des Kreises bleiben und wo ist hier die Grenze?
Ich konnte für mich folgendes schließen: Erstens, von jemanden zu verlangen, sich einem Land zu bekennen ist zu viel verlangt, zu ideologisch und ohne einen bestimmten Kontext einfach unrealistisch. Eine Bekennung zum Grundgesetz sollte reichen. Zweitens, die viel wichtigere und entscheidende Frage und die Nagelprobe für die Integration einer gesamten Gesellschaft ist viel mehr, inwieweit wir bereit sind zu lernen, miteinander umgehen zu können. Inwieweit wir fähig sind, mit der Diversität um uns herum umzugehen und diese Diversität nicht immer als Grund fürs Scheitern und für die misslungene Integration anderer zu nehmen. Es ist nicht das vorrangige Problem, dass es Unterschiede als solche gibt, nur wenn der Schwerpunkt zu stark auf die Differenzen gesetzt wird, wenn diese missbraucht, womöglich erfunden werden und als Grund für Versagen genommen werden, kann dies zu Diskriminierung und im schlimmsten Fall zu großen Auseinandersetzungen und Konflikten führen. Gleichzeitig tendieren Menschen dazu, die Sachen und die Welt um sie herum zu reduzieren und zu kategorisieren, um diese besser zu verstehen, wobei dieser Vorgang genauso zur Vorurteilsbildung und Missdeutung führen kann. Es bleibt dabei wenig Raum für Reflexion.
Das Ziel: Kosmopoliten
Die Menschen seien verschieden und es könne nicht jeder auf dieselbe Art und Weise leben, so Kwame Anthony Appiah - der Philosoph ghanaisch-britischer Herkunft setzt sich für ein Weltbürgertum ein. Jedoch könnten wir aus diesen Unterschieden viel lernen. Appiah plädiert dafür, mit dem Nichtidentischen zu leben, er plädiert für Kosmopolitismus. Kosmopoliten sind dabei keine Vielflieger mit einer Platinum-Card in der Tasche und Kosmopolitismus ist auch keine erhabene Fähigkeit. Es gibt zwei Grundgedanken des Kosmopolitismus. Der Erste ist, dass wir uns für andere Menschen interessieren sollten, für die praktische Tätigkeiten und Glaubensüberzeugungen, durch die das Leben des Einzelnen erst seine Bedeutung erhält. Nicht, weil wir den anderen dadurch besser verstehen könnten, sondern weil es helfen kann, dass wir uns aneinander gewöhnen. Der zweite Grundgedanke ist, dass wir Pflichten gegenüber anderen Menschen haben, die über die gemeinsame Staatsbürgerschaft und selbst über die Blutsverwandtschaft hinausgehen. Denn jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges Leben und auf gewisse Grundrechte. Dafür, wie groß dieser Beitrag ist, den wir leisten sollten, bietet Appiah keine Lösung. Denn Kosmopolitismus ist keine Lösung, wie er sagt, sondern eine Herausforderung.
Eine Herausforderung, an der man allerdings nicht vorbeigehen kann, wenn man eine gemeinsame und humane Zukunft haben will und kulturelle Vielfalt als einen gemeinsamen Reichtum begreift. Eine Herausforderung sowohl für die politisch Verantwortlichen, für die Zivilgesellschaft als auch für die Wirtschaft. Sicherlich kann man niemanden zwingen etwas miteinander zu tun haben zu wollen, man kann jedoch Rahmenbedingungen dafür schaffen. Oft wird von Ängsten gesprochen, die Menschen in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft vor einander haben und die man ihnen nehmen sollte. Vielleicht hilft es, wenn man die Menschen, vor denen man Angst hat, endlich einfach mal kennen lernt.
Das Interview mit der Beauftragten der Bundesregierung für Integration, Maria Böhmer, finden Sie hier .Kwame Anthony Appiah vertritt seine Thesen in seinem jüngsten Buch „Der Kosmopolit“ (2007, C. H. Beck, München). Dazu mehr hier
Svetlana Acevic ist seit 2006 Referentin für Kultur und Bildung beim Forum der Kulturen Stuttgart. Sie gehört auch zu den Referenten des Kongresses „Vielfalt verbindet/Diversity united“, der Anfang September in Dortmund stattfindet. Mehr hier
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